„Morgen machen wir agil! Von der Fähigkeit sich auf den digitalen Wandel einzustellen“ (H. Fischer)

Diesen Satz hat bestimmt jeder schon gehört: „Wir arbeiten jetzt agil!“ Dabei ist Agilität gar kein neues Thema, sondern existiert bereits seit fast 70 Jahren in den unterschiedlichsten Facetten. Was bedeutet es aber? Und worauf kommt es eigentlich an?

Gemeinsam die Digitalisierung managen

Das Konzept der Agilität wurde bereits in den 1950er-Jahren in der Systemtheorie von Organisationen angeführt und erlebte 2001 insbesondere in der Softwareentwicklung einen weiteren Aufschwung. 

Durch die Digitalisierung ist der Begriff heutzutage wieder in aller Munde und erhält eine größere Bedeutung und höhere Aktualität. Viele wollen nun agiler werden, denn sie erhoffen sich dadurch nicht nur mehr Innovationskraft, sondern müssen im Zeitalter der Digitalisierung Schritt halten. Natürlich soll auch die Menschlichkeit durch mehr „Wir-Gefühl“ und „Augenhöhe“ gestärkt werden. Einhergehend mit dem Kontext von Arbeit 4.0, vermischen sich hier Ideen der New-Work-Szene mit Gedanken aus dem Lean-Umfeld und Frameworks aus dem Umfeld der Softwareentwicklung. 

Alle sprechen von Agilität, aber vielen ist dabei nicht wirklich klar, was Agilität eigentlich bedeutet. Wenn wir uns den kleinsten gemeinsamen Nenner anschauen, so hat Agilität etwas mit Anpassungsfähigkeit oder auch Beweglichkeit zu tun. Dies ist den Meisten jedoch zu abstrakt. Also suchen sie nach Methoden, Techniken sowie Leitfäden, reißen Konzepte und Ideen aus dem Zusammenhang und pressen diese dann in das vorhandene System. 

Aus Positionen und Funktionen werden mal eben schnell Rollen gemacht, aber die Hierarchien und Kostenstellen nicht aufgegeben. Die Teams bleiben unter dem Deckmantel der "Selbstorganisation" sich selbst überlassen. Stärker als zuvor wird nun der Druck aufgebaut „kreativer und innovativer zu sein“, aber an Kennzahlen (KPIs) wird nach wie vor festgehalten. Wände werden mit lustigen, bunten Zettelchen beklebt; Innovation ist jedoch Fehlanzeige und auch die Beschäftigten sind nach der anfänglichen Euphorie eher frustriert. Schneller sind sie nicht geworden und kostengünstiger war das Ganze auch nicht.  

Der Grund? Beim Thema Agilität wird nur zu gerne der Kulturgedanke vergessen. Genau dieser ist es, der jedoch wirklich neu an der Agilität-Idee ist. Dafür jedoch bedarf es eines kontinuierlichen Wandels der Denkweisen aller Personen im Unternehmen. Erst mit dem richtigen „Mindset“ kann Agilität wirklich hergestellt werden. 

So, was war jetzt doch gleich agil? Agil ist die Fähigkeit flexibel und adaptiv auf Veränderungen zur reagieren und diese sogar proaktiv zu gestalten sowie vorauszusehen. Agilität bedeutet demnach für ein Unternehmen agil zu reagieren, Chancen und Risiken wahrzunehmen (Issue-Management) und sich damit einen nachhaltigen Erfolg zu sichern. 

Mit der Agilität soll ein adaptiver, evolutionärer Zustand erreicht werden, der dauerhaft das Überleben in einer sich wandelnden Welt der Digitalisierung sichert.  

Dabei lassen sich mehrere Dimensionen von Agilität aufzeigen:

  • Beschäftigten- & kundenorientierte Organisationsstruktur
    Traditionelle Organisationen (bspw. starke Hierarchien) fokussieren sehr stark auf sich selbst und denken in Pyramiden und Silos. Agile Unternehmen hingegen öffnen ihre Strukturen und richten ihre Strategie an den Beschäftigten und an den Kunden aus. Sie streben eine Maximierung der Zufriedenheit der Beschäftigten sowie eine Maximierung des Kundennutzens an. 
  • Iterative Prozesslandschaften
    Sich schrittweise in wiederholten Feedback-Schleifen der exakten Lösung annähern und kurzfristige Ergebnisse auf konstruktiver Ebene einbeziehen. Kunden und Beschäftigte können ihre Erfordernisse nur schwer kundtun. Durch kurze Iterationen und häufiges Reflektieren und Ausprobieren, werden die eigentlichen Erfordernisse erst aufgedeckt und können verändert werden. 
  • Beschäftigtenzentriertes Führungsverständnis
    Die Führungskraft stellt sich „in den Dienst der Teams“, um zusammen schneller Nutzen und Innovationen zu schaffen. 
  • Agile Organisationskultur
    Agile Organisationskulturen sind geprägt von Transparenz, Dialog, einer Haltung des Vertrauens sowie von kurzfristigen Feedback-Mechanismen. Das Wissen wird offen weitergeben, Fehler werden offen und konstruktiv angesprochen. Es gibt mehr Entscheidungsfreiheit für die einzelnen Teams.

Anstatt auf Prozessen und Werkzeugen liegt der Fokus nun auf den Individuen und der Interaktion miteinander. Kommunikation und Offenheit ist die Devise! Produkte und Dienstleistungen stehen im Vordergrund und nicht die umfassende Dokumentation. Anstelle lang andauernder Vertragsverhandlungen wird die vertrauensbasierte Zusammenarbeit mit dem Kunden angestrebt. Starre Pläne werden aufgegeben, damit überhaupt erst besser auf Veränderungen eingegangen werden kann. 

Genau diese Agilität benötigen wir, um Digitalisierung steuern und nutzen zu können. Diese ist nicht morgen abgeschlossen und wird uns fortlaufend begleiten. Für eine erfolgreiche Zukunft benötigen wir die Fähigkeit unsere Arbeit, unsere Produkte und unsere Dienstleistungen ständig selbst zu reflektieren und anzupassen. Bei agilem Vorgehen sprechen wir von Teams, Mitbestimmung und Selbstorganisation. Das ist richtig, aber auch hierbei benötigen wir eine starke Führung. Allerdings nicht die klassische, hierarchische Führung, sondern die wegebereitende Führung, ein aktives Change Management, welches das Aufbrechen von bisherigen Denkmustern und Denkweisen fördert. 

"We can't solve problems by using the same kind of thinking we used when we created them."
(Albert Einstein)


In diesem Sinne: Gestalten Sie die Digitalisierung in Ihrem Unternehmen und mit Ihren Beschäftigten proaktiv. 

 

Weiterführende Literatur:

 

  • Frederic Laloux (2016): Reinventing Organizations – Ein illustrierter Leitfaden sinnstiftender Formen der Zusammenarbeit. Vahlen Verlag. ISBN 978-3800652853 
  • André Häusling (2017): Agile Organisationen – Transformationen erfolgreich gestalten – Beispiele agiler Pioniere. Haufe Lexware Verlag. ISBN 978-3648105986
  • Veronika Kotrba & Ralph Miarka (2017): Agile Teams lösungsfokussiert coachen. 2. Auflage. dpunkt Verlag. ISBN 978-3864904417
  • Jurgen Appelo (2018): Managing for Happiness – Übungen, Werkzeuge und Praktiken, um jedes Team zu motivieren. Vahlen Verlag. ISBN 978-3800654185
  • Jurgen Appelo (2012): How to Change the World – Change Management 3.0. Jojo Ventures BV Verlag. ISBN 978-9081905114
  • Jurgen Appelo (2010): Management 3.0 – Leading Agile Developers, Developing Agile Leaders. Addison-Wesley Professional Verlag. ISBN 978-0321712479 
Ansprechpartner
Holger Fischer
Universität Paderborn, SICP
T 05251 5465-209