Kann Nachbarschaftshilfe ‚smart‘ werden?

Ob Stadtquartier oder Dorf in OWL: Attraktives Wohnen benötigt Infrastruktur, ein intaktes soziales Umfeld, Nachbarschaftshilfe und ehrenamtliches Engagement. Wird diese Lebensqualität durch Digitalisierung gefährdet oder eröffnen sich gerade durch smarte Technologien und digitale Dörfer neue Potentiale für die Förderung des sozialen Zusammenhalts? Diese und andere Fragen wurden auf den 12. Bielefelder Stadtentwicklungstagen unter dem Titel ‚Stadt 4.0 - Smarte Städte durch Digitalisierung‘ am Mittwoch in der Stadthalle Bielefeld mit rund 250 Teilnehmern diskutiert.

Etliche Tools wie die „Digitale Dörfer-Plattform“ des Fraunhofer IESE oder „nebenan.de“ bieten heute soziale Plattformen an, auf denen Bürger Gesuche und Dienste anbieten und austauschen können. Deren Chancen und Risiken wurden am Thementisch von Marcel Frischkorn vom ZIG Zentrum für Innovation in der Gesundheitswirtschaft OWL e.V. erörtert. „Nachbarschaftshilfe bedeutet nach wie vor persönliche Begegnung und Sicherheit. Die Diskussion heute zeigt, dass für eine echte, alle Bewohner erreichende Struktur Onlineplattformen mit Möglichkeiten der persönlichen Begegnungen und Anlaufstellen verknüpft werden müssen,“ so Marcel Frischkorn. So unterschiedlich wie die Menschen müssen auch die Kommunikationsangebote sein.

Gerald Swarat vom Berliner Büro des Fraunhofer-Instituts für Experimentelles Software Engineering (IESE) sieht die größte Herausforderung da, wo Systeme über traditionelle Branchengrenzen hinweg zusammenarbeiten werden müssen. „Gerade auf dem Land werden sich wirtschaftlich tragfähige Lösungen nur durch die effiziente, gemeinsame Nutzung von Ressourcen über die Grenzen etablierter Silos hinweg erreichen lassen“, meint Swarat. Pakete könnten beispielsweise in Zukunft eine Mitfahrgelegenheit im Personennahverkehr oder in privaten Fahrzeugen erhalten. Gleichzeitig müsse der Beweis angetreten werden, dass sich der Mensch gerade im ländlichen Raum als selbstbewusstes und handelndes Subjekt in einem funktionierenden Gemeinwesen begreift und nicht als sensorhaftes Objekt einer großangelegten Smart City-Strategie. Open Government umfasst viele Bereiche, in denen durch Digitalisierung die Zivilgesellschaft gestärkt werden kann. „Dann wird der Raum außerhalb der Großstädte eine echte Alternative!“

Bei allen Chancen gibt es auch Risiken: „Wichtig ist bei der aktuellen Entwicklung immer, den Datenschutz im Auge zu behalten,“ meint Rena Tangens, Gründungsvorsitzende von Digitalcourage e.V. Des Weiteren warnt sie anschaulich vor den Konsequenzen der Abschreckung vor unerwünschtem Verhalten durch Videoüberwachung. „Moral ist ein Muskel, der trainiert werden muss.“

Konsens gab es in dem Punkt, dass konkrete Ziele vor techologischen Entwicklungen stehen müssen. „Die zentrale Frage muss sein: ‚Welche digitale Stadt, welches digitale Dorf wollen wir haben?‘“, so Michael Lobeck von promediare.de. Wenn diese Frage geklärt sei, können auch Technologien ausgewählt oder entwickelt werden, die diese Ziele unterstützen. Lobeck berät Kommunen, unterstützt sie bei der Zielfindung und moderiert die Prozesse.

Das Gemeinschaftsprojekt Smart Country Side der Kreise Lippe und Höxter setzt für diesen Prozess das Instrument Dorfkonferenzen ein. An 12 Modellorten werden im Rahmen einer Entwicklungspartnerschaft passgenaue und bürgernahe „SmartCountryServices“ entwickelt und erprobt. Das fördert intelligente und innovative Lösungsansätze in den Bereichen Mobilität, Ehrenamt, sowie E-Governance und E-Partizipation, die speziell auf die Bedürfnisse und Anforderungen der Nutzer im ländlichen Raum zugeschnitten sind und ist eines von 10 EFRE-Projekten des integrierten Handlungskonzeptes OWL 4.0.

 

Redaktion und Text: Astrid Kleinkönig


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