Der hybride Gehörschutz für industrielle Anwendungen

Er unterdrückt Lärm, lässt Gespräche zu und bietet verschiedene Assistenzfunktionen: Das Gründungsprojekt HEA²R der Fachhochschule Bielefeld entwickelt den hybriden Gehörschutz von MORGEN.

v.l.: Tobias Lehmann, Timo Kölling, Joel Sprenger und Dennis Kaupmann
Dennis Kaupmann und Tobias Lehmann (von links) im Gespräch mit Marcella Ranft (OWL Arena)

Lärm ist ein häufig unterschätzter Stressfaktor im beruflichen Alltag. Nicht nur, dass „Lärmschwerhörigkeit“ zu den häufigsten anerkannten Berufskrankheiten zählt, mögliche Langzeitfolgen sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck und Herzkrankheiten bis hin zum Herzinfarkt. Besonders Mitarbeiter in der Metall- und Holzverarbeitung sind tagtäglich lautem Industrielärm ausgesetzt. Der klassische Gehörschutz dient zwar der Gesundheit, ist aber wenig bequem und ermöglicht keinen Austausch mit den Kollegen. Das führt dazu, dass er häufig nicht getragen wird.

Das Gründungsprojekt HEA²R (Headset for Augmented Auditive Reality, gesprochen Hear) forscht an einem Produkt, das Geräusche im Allgemeinen reduziert und dabei zwischen Stör- und Nutzschall unterscheidet. Stimmen und Warntöne werden selektiv durchgelassen und industrieller Lärm ausgeblendet. Zusätzlich können Assistenzfunktionen integriert werden, um die Mensch-Maschine-Interaktion zu unterstützen.

Angegliedert ist das Projekt an das Institut für Systemdynamik und Mechatronik (ISyM) der Fachhochschule Bielefeld. Das interdisziplinäre Team besteht aus Projektleiter Tobias Lehmann, zuständig für die Gesamtorganisation und Messtechnik, Entwicklungsleiter Dennis Kaupmann für die technische Entwicklung, Timo Kölling für die Software und Projektkaufmann Joel Sprenger.

Seit dem Masterstudium Ende 2012 machen Tobias Lehmann und Dennis Kaupmann erste Versuche zu aktiver Geräuschreduktion. „Im Rahmen dieser Forschungstätigkeiten kamen Anfragen aus der Industrie ob es möglich wäre, mit Lautsprechern in den Produktionshallen den Störschall an Arbeitsplätzen aktiv zu reduzieren. Das geht aber aus physikalischen Gründen nicht so einfach. Wir haben dann versucht das System näher an den Menschen zu bringen und ein Headset entwickelt“, fasst Kaupmann die Findungsphase zusammen.

Auf das Förderprogramm „EXIST Forschungstransfer“ des BMWi (Bundesministerium für Wirtschaft und Energie) hat sich das junge Team bereits 2015 beworben – damals leider erfolglos. Dass sie zwei Jahre später mit einem weiterentwickelten System die Förderung erhielten, war für sie ein großes Erfolgserlebnis. „Normalerweise werden dort nur große Universitäten mit starken Gründungszentren berücksichtig“, erzählt Tobias Lehmann. „Wir sind erst das zweite Team aus OstWestfalenLippe, das diese Förderung bekommt!“ Das Ziel ist eine Unternehmensgründung Anfang nächsten Jahres. Dennis Kaupmann hält dafür die Region OstWestfalenLippe besonders geeignet: „Momentan nimmt das Thema Unternehmensgründung hier an Fahrt auf. Es gibt in unserer Zielbranche in OWL sehr viele starke Unternehmen. Dementsprechend ist die Region für uns sehr interessant und reizvoll.“

In einem Förderzeitraum von 18 Monaten wird an Prototypen und einem Businessplan gearbeitet sowie Kontakt zu potentiellen Käufern geknüpft. Am Anfang hat das Team mit Hilfe von Messungen bei Anwendungspartnern die Schallsituation vor Ort überprüft. Auch die Bedürfnisse der Mitarbeiter wurden abgefragt. „Es bringt nichts, wenn wir in unserem Elfenbeinturm alleine etwas entwickeln, sondern das Produkt soll die Leute ja langfristig im Arbeitsalltag gesund halten“, erklärt Dennis Kaupmann.

Aktuell stehen die vier jungen Männer in der ersten Entwicklungsphase: Elektronik und Algorithmen werden entwickelt und Überlegungen über Aufbau und Formfaktor angestellt. Für die Anbindung ans Ohr steht dem Team ein Hörakustiker zur Seite. Besonders schwierig sei es, die Elektronik an die Ohrgröße anzupassen und in Bezug auf die Leistungsaufnahme so zu optimieren, dass das ganze System mit einer Batterie über eine gewisse Zeit hinweg versorgt werden kann.  

In einer Feldstudie werden ab Sommer erste Prototypen unter realen Bedingungen getestet. Dabei legt das Team viel Wert auf ein unbefangenes Urteil. „Da wir die Probleme aus dem industriellen Alltag nicht kennen, ist uns eine unverblümte Einschätzung der Mitarbeiter momentan mehr wert, als die Kaufoption der Anwendungspartner“, stellt Lehmann fest. Im nächsten Schritt sei es aber zweifellos interessant, mit potentiellen Kunden aus der Holz- und Metallverarbeitung ins Gespräch zu kommen.

Sie können sich vorstellen das Headset for Augmented Auditive Reality bei sich im Unternehmen einzusetzen? Bei Interesse, Fragen oder für weitere Informationen kontaktieren Sie

Tobias Lehmann, M. Sc.
Gründungsprojekt HEA²R
Telefon: +49 521 106-7379
info@hea2r.com
www.hea2r.com

 

 

Ansprechpartner
Uwe Borchers
Geschäftsführer ZIG OWL e.V.
T 0521 329860-12