Forum 2 | Wo andere Urlaub machen – Arbeiten im ländlichen Raum

Dank der Digitalisierung unserer Arbeitswelt sind nicht mehr alle Erwerbstätigen auf eine unmittelbare Nähe zwischen Arbeits- und Wohnort angewiesen. Neue Formen der digitalen Arbeit gleichen einen Standortnachteil für ländliche Regionen aus: die fehlende Nähe zum Arbeitsplatz in der Stadt.

Moderation: Mario Wiedemann, Bertelsmann Stiftung

Mario Wiedemann, Bertelsmann Stiftung, moderierte das Forum
Ulrich Bähr, Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein, wurde mittels Videotelefonie aus Kiel hinzugeschaltet
Tobias Kremkau, Head of Coworking, St. Oberholz
Antonia Polkehn, Senior Manager Strategie & Innovation, Sparda-Bank Berlin

Das Leben in den Großstädten ist für immer mehr Menschen nur schwer zu finanzieren. Gleichzeitig scheint der ländliche Raum als Sehnsuchtsort vor allem für Familien beliebter zu werden. Können Kommunen im ländlichen Raum diese Möglichkeit nutzen und neue Bürgerinnen und Bürger anziehen? Dafür müssen sie ausreichend attraktive Jobs bieten. Dank der Digitalisierung unserer Arbeitswelt sind nicht mehr alle Erwerbstätigen auf eine unmittelbare Nähe zwischen Arbeits- und Wohnort angewiesen. In Forum 2 stellte Moderator Mario Wiedemann, Projektmanager bei der Bertelsmann Stiftung, neue Formen der digitalen Arbeit vor, die einen Standortnachteil für ländliche Regionen ausgleichen können: die fehlende Nähe zum Arbeitsplatz in der Stadt.

Tobias Kremkau, Head of Coworking des Berliner Coworking-Pioniers St. Oberholz, hat sich für eine Studie des Projekts Zukunft der Arbeit auf die Suche nach den neuen Orten der Arbeit gemacht. Und er ist in vielen ländlichen Regionen im In- und Ausland fündig geworden. Er ist der Meinung: „Die gesellschaftliche Bedeutung von Coworking wird sich auf dem Land beweisen.“

Es gibt tatsächlich zunehmend Beispiele für Coworking Spaces im ländlichen Raum, zum Beispiel in Brandenburg. Im hohen Norden in Kiel startete diesen Sommer das auf drei Jahre angelegte Projekt CoWorkLand. Ulrich Bähr von der Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein präsentierte, zugeschaltet via Videotelefonie, die Idee hinter dem Projekt. Ein früherer See-Container wurde zu einem mobilen und modernen Coworking Space umgebaut. Dieser soll an neun verschiedenen, ländlichen Standorten für mehrere Wochen platziert werden. Damit soll das Potenzial für Coworking im ländlichen Raum erkundet werden. Ein weiteres Projektziel ist außerdem, die Gründung neuer Coworking Spaces in der Region rund um Kiel anzuregen. Ulrich Bähr vertrat die erkrankte Referentin Sarah Brühl, die ursprünglich ihr Projekt „Betzdorf digital“ vorstellen wollte.

Doch warum sind Coworking Spaces eigentlich von Vorteil? Was bieten sie, was wir im Home Office nicht vorfinden? Nach Tobias Kremkau eröffnen sich Coworkern durch die Interaktion mit Menschen, die nicht im gleichen Betrieb oder in der gleichen Branche tätig sind, neue Perspektiven. Aus diesem Austausch entsteht kreatives Potenzial, das auch im ländlichen Raum benötigt wird. Manch eine Region muss sich neu erfinden oder zumindest neue Wege gehen, um wieder attraktiv zu werden. Da könnten Coworking Spaces ein Anfang sein.

Die Stadt Frankfurt/Oder und die Sparda-Bank Berlin zeigen, dass Coworking Spaces eine Initialzündung sein können. In der brandenburgischen Stadt eröffnet demnächst ein Coworking Space, den die Berliner Bank gemeinsam mit dem Berliner St.Oberholz betreibt. Das Spannende an dem Konzept, das Antonia Polkehn von der Sparda-Bank Berlin im Forum vorstellte: der Filialbetrieb der Bank und der Coworking-Bereich lassen sich gar nicht mehr trennen. Die Bank ist somit integraler Bestandteil des Coworking-Konzepts. Dies könnte auch eine Lösung für Banken im ländlichen Raum sein, die ihre Filialen schließen wollen. Sie könnten sich stattdessen am Modell aus Frankfurt/Oder orientieren: statt Filialschließungen neue Treffpunkte, die unter einem Dach viele Dienstleistungen vereinen

Damit bietet der digitale Wandel Chancen für die Stärkung des ländlichen Raums, die für eine polyzentrische Region wie OstWestfalenLippe eine große Bedeutung hat. „Durch die Digitalisierung entstehen beispielsweise neue Möglichkeiten für Arbeiten im ländlichen Raum und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf“, erläutert Mario Wiedemann, Projektmanager der Bertelsmann Stiftung. Ländliche Regionen, die in der Vergangenheit besonders vom demografischen Wandel betroffen waren, können wieder attraktiv werden für neue Bürgerinnen und Bürger. Dort wo die Menschen leben können sie dank ortsunabhängiger, digitaler Arbeit immer häufiger auch ihren Beruf ausüben. Dabei zeige sich, dass Coworking, welches wir bisher aus großen Städten kennen, auch im ländlichen Raum großes Potenzial besitzt.

Referenten im Forum 2:

Urlich Bähr, Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein

Tobias Kremkau ist Coworking Manager des St. Oberholz in Berlin. Zusammen mit Ansgar Oberholz hat er das Institut für Neue Arbeit (IfNA) gegründet und berät Unternehmen zu Fragen der Transformation von Arbeit. Tobias hat Politikwissenschaft in München, Venedig und Berlin studiert, bevor er u. a. für Unternehmen wie McKinsey & Company Inc., Tumblr Inc., Bündnis 90/Die Grünen, das Internet & Gesellschaft Co:llaboratory und die Netzpiloten AG arbeitete. Er ist Mitgründer der German Coworking Federation (GCF) und war bis April 2017 im Vorstand der Federation aktiv.

Antonia Polkehn ist Senior Manager Strategie & Innovation bei der Sparda-Bank Berlin. Seit 2015 entwickelt sie neue und unkonventionelle Geschäftsideen und fokussiert sich dabei insbesondere auf die Neupositionierung des genossenschaftlichen Gedankens und alternative Nutzungsmöglichkeiten von Räumen in ländlichen Regionen. Vor ihrer Tätigkeit bei der Sparda-Bank Berlin baute sie die Musiker-Plattform bandorg.de auf. Antonia hat an der HTW Berlin Wirtschaftswissenschaften studiert und sich auf Geschäftsmodellinnovationen spezialisiert.

Präsentation als PDF zum Download

 

 

Ansprechpartner
Astrid Kleinkönig
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