Digitalisierung und Kirche: Wie passt das zusammen?

Seit Jahren sinken die Mitgliederzahlen in den katholischen und evangelischen Kirchengemeinden. In diesem Blogbericht einer Plattform der Bertelsmann Stiftung zeigt Heidrun Wuttke, Projektmanagerin des OWL 4.0-Projektes Smart Country Side, die Chancen der Digitalisierung und der neuen Medien für die Kirchen auf.

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Leere Kirchen am Sonntag. Wer kennt sie nicht. Ein paar ältere Kirchgänger sitzen vereinzelt in den Bänken. Die Gemeindemitglieder werden sichtbar weniger und älter. Wenn der Pfarrer wie kürzlich dazu aufruft, sich als Sitznachbarn als Geste des Willkommens die Hand zu reichen, muss ich aufstehen und in eine andere Bank gehen, um jemand zu finden, dessen Hand ich schütteln kann. So weit sitzen die paar versprengten Gottesdienstteilnehmer auseinander. In meinem Herkunftsdorf, immerhin Sieger im Märkischen Kreis beim Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“, sieht es sonntags eher dünn aus in der evangelischen Kirche. Gemeinsam singen macht da keine besondere Freude. Die katholische Kirche sucht sogar einen Käufer und Nachnutzer für das Gotteshaus. Natürlich, es gibt auch das Gegenteil: Zu Weihnachten und besonderen Anlässen sind sie alle da, auch wenn der Chor zu einem Konzert in die Kirche einlädt. Da frage ich mich: Heißt das im Ergebnis, jeder Gottesdienst muss ein Event sein und Entertainment bieten, um z. B. mehr und vor allem junge Menschen anzusprechen?

Seit Jahren sinken die Mitgliederzahlen in den katholischen und evangelischen Kirchengemeinden. Tausende Mitglieder gingen verloren. Diese Entwicklung ist ein Trend und gesellschaftliche Realität, aber keine betonierte Einbahnstraße.

Gott auf allen Kanälen – Kommunikation des Evangeliums auf digitalen Wegen
Es gibt aber gläubige Menschen, die sich auf den Weg machen und neue liturgische Formen mit Musik, Gebet, Meditation, Einsatz von Multimedia anbieten, die Gemeindemitglieder in Eigenregie gestalten. Menschen reagieren neugierig und offen auf neue, alternative Formen von Gottesdiensten. Es gibt in den Kirchen mittlerweile untereinander gut vernetzte Social-Media-Pfarrer, die ihre Gemeinde nicht nur über die Anforderungen der Europäischen Datenschutzverordnung informieren und bei der Umsetzung beraten sowie die Gemeinden-Websites pflegen, sondern die innovative Wege beschreiten. Sie kaufen sich eine Kamera und nehmen 360 Grad Kirchenpanaromen auf und stellen diese für alle zugänglich ins Netz. So kann man seine Heimatkirche besuchen, auch wenn man auf Reisen oder weggezogen ist. Predigten sind plötzlich online abrufbar für die, die nochmals in Ruhe Gottes Wort nach lesen wollen oder nicht zum Gottesdienst kommen konnten. Es gibt inzwischen digitale Fürbitten und Tageslosungen als spirituelle Begleitung durch den Tag. Die Kirchen-App des Erzbistums Paderborn, die von der Abteilung Öffentlichkeitarbeit konzipiert und betreut wird sowie die interaktive Kirchenplattform Podio der Landeskirche Lippe, die Gemeinden in Lemgo aktiv nutzen, sind hierfür gute Beispiele. Analoge Kommunikation kann also auch in der traditionsreichen Kirche erfolgreich durch digitale Angebote ergänzt werden.

Wer Nachwuchs sucht, muss die Sprache der Jugend sprechen
Besonders ansprechend für junge Menschen finden hier und da bereits sogenannte Social-Media-Gottesdienste statt, die gut besucht sind. Hier können Teilnehmer vor Ort und von unterwegs die Predigt interaktiv kommentieren und dem Pfarrer Fragen stellen. Es werden Filme, am besten für diesen Anlass selbst gedrehte, gezeigt. Es spielt eine Band. Das ganze wird live ins Netz gestreamt und erreicht so ein größeres Publikum.

Das Projekt Smart Country Side (SCS) lud kürzlich interessierte Bürger*innen und Kirchenmitglieder zu einer Diskussionsrunde unter dem Motto „Digitalisierung und Kirche – wie passt das zusammen“ in das Pfarrheim in Ovenhausen ein. Ein Modellort, der demnächst im Rahmen des Projektes SCS zusammen mit der Dorfgemeinschaft, immerhin stolze 1.200 Einwohner, eine digitale Kirchen-Plattform passend für die Anforderungen vor Ort, entwickeln und erproben möchte. Man möchte das Rad nicht neu erfinden, sondern voneinander lernen und nutzen, was in anderen Gemeinden schon vorgedacht und erfolgreich angewendet wird.

Natürlich waren Vertreter der beiden Kirchen sowie des Erzbistums Paderborn, der Lippischen Landeskirche sowie von young caritas bei der Veranstaltung vertreten. Die Diskussion unter den zahlreichen Teilnehmern war emotional und engagiert – da gab es langjährige Kirchenmitglieder, die um die bewährten Traditionen der Kirche fürchten und diese auf jeden Fall bewahren wollen. Sie wollen nicht heimatlos in ihrer eigenen Kirche werden, denn für sie lebt die Gemeinde von der persönlichen Begegnung und der spirituellen Zusammenkunft der Glaubensgemeinschaft. Da gibt es andere, junge Messediener oder die Projektmanagerin der young caritas, die meinen, Internet und Social Media ist für ihre Generation keine Option, sondern gelebte Realität. Sie sind immer online. Das bedeutet: Wer Nachwuchs für die Kirche sucht, muss auch die Sprache der Jugend sprechen. Kirche muss sich im Netz positionieren und Online-Kanäle schaffen, um nicht aus dem Sichtfeld zu geraten, denn die jungen Menschen sind es, die die Zukunft der Kirche gestalten werden.

Die erste digitale Kirchen-Plattform im Kreis Höxter
Die Kirchengemeinde Ovenhausen hat sich auf den Weg gemacht und ist dabei, die Inhalte für die geplante digitale Kirchen-Plattform zusammenzutragen und den ersten Social-Media-Gottesdienst im Kreis Höxter zusammen mit den beiden Kirchen vorzubereiten. Schulklassen sollen im Vorfeld gezielt angesprochen und für eine Mitwirkung gewonnen werden. Ob die Idee, Seelsorge auch per Skype anzubieten, angenommen wird, weiß jetzt noch keiner, aber schon bald wird dieses Angebot von der Dorfgemeinschaft erprobt werden. Von diesen Erfahrungen, sogenannte Blaupausen, können auch andere Kirchengemeinden lernen.

Alle Beteiligte sind sich in einem völlig einig: Die digitale Welt ist ein Werkzeug und kann das Gemeindeleben, in dem der persönliche Kontakt wichtig ist, an vielen Stellen bereichern. In virtuellen Kirchenwelten allein möchte wirklich keiner leben. Ich sicher auch nicht.

Dieser Beitrag ist der 3. Teil einer Blogserie des Projektes Smart Country Side auf einer Plattform der Bertelsmann Stiftung für den Diskurs rund um "Smart Country". Der Blog verschafft positiven Beispielen Sichtbarkeit.

Ansprechpartner
Heidrun Wuttke
GfW im Kreis Höxter, Projektmanagerin
T 05271 9743-18