Digitalisierung human begegnen

Mit der Digitalisierung und dem Internet of Things (IoT) werden große Erwartungen an intelligente Gebäude und deren Vernetzung gesetzt, die bisher jedoch weder im Bereich Smart Home noch in der Sektorenkopplung von Strom und Wärme umfassend erfüllt werden können. Um die Entwicklung schneller und effizienter voranzutreiben, kommt das Instrument Living Lab zum Einsatz.

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Quelle: Energie Impuls OWL e.V.

Doch was verbirgt sich hinter dem Begriff Living Lab? Welche Praxiserfahrungen gibt es bereits und inwieweit kann dieses Instrument im Bereich der intelligenten Gebäudetechnologie Verwendung finden? Diese und viele weitere Fragestellungen waren Gegenstand des 8. Symposiums Intelligente Gebäudetechnologien, das am 18.10.2018 am Campus Minden der FH Bielefeld stattgefunden hat. Initiiert wird diese Veranstaltungsreihe vom Kreis Minden-Lübbecke, von der Fachhochschule Bielefeld und dem Verein Energie Impuls OWL e. V.. Sie ist Bestandteil des Projekts „Klimaschutz, Energie und Bauen 4.0“ des integrierten Handlungskonzepts OWL 4.0.


Der Begriff Living Lab kann als Reallabor übersetzt werden. Bei diesem Instrument geht es um eine enge Kooperation zwischen transdisziplinärer Wissenschaft und Zivilgesellschaft, die in einem experimentellen Umfeld voneinander lernen sollen. Hintergrund dieser Idee ist die Annahme, dass zukunftsrelevante Fragen nur in Zusammenarbeit mit einem breiten Teil der Gesellschaft zu beantworten sind. Die in einem Living Lab erarbeiteten Lösungen sind demnach häufig deutlich bedarfs- und nutzerorientierter als diejenigen, welche in einer klassischen geschlossenen Laborumgebung erarbeitet worden sind. Die Experimente finden nämlich auf der Straße, in öffentlichen Gebäuden oder Wohnungen und in realen Alltagssituationen statt. Im Zentrum neuer digitaler Entwicklung soll bei diesem Ansatz also ganz eindeutig der Faktor Mensch stehen. Denn was bringen hochtechnische Innovationen, wenn die Hemmnisse der Gesellschaft zu hoch sind, sie zu benutzen?


Ausgehmeile, Fachkräftemangel, Leben in einer Mittelstadt


Das Instrument des Living Lab findet gerade im Bereich der digitalen Transformation breite Anwendung. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Symposiums erhielten zahlreiche Beispiele wie solche Reallabore in der Praxis aussehen können. So ist eine belebte Ausgehmeile in der niederländischen Stadt Eindhoven zum Reallabor entwickelt worden, in dem unter anderem der Einfluss verschiedener Beleuchtungssysteme auf das Verhalten der Passanten und die Kriminalitätsstatistik untersucht wird. Es konnte zum Beispiel festgestellt werden, dass sich eine bestimmte warmweiße Beleuchtung besonders aggressivitätsmindernd auf die Klientel des Quartiers auswirkt.
Aber auch in der Region lassen sich bereits einige Living Labs finden. In Osnabrück wird beispielsweise untersucht, wie dem Fachkräftemangel digital begegnet werden kann. Hier ist unter anderem der Einsatz von Tablets in Pflege und medizinischer Versorgung unter realen Alltagsbedingungen erprobt worden. Als ein Ergebnis kann genannt werden, dass die Benutzeroberfläche der Geräte möglichst barrierefrei und übersichtlich gestaltet werden sollte. So ist es auch für eine nicht technikaffine Person möglich, die Tablets mit Patientendaten zu bedienen.


Um zu beantworten, wie das IoT das Leben in einer Mittelstadt in den Bereichen Verwaltung, Mobilität oder Einzelhandel erleichtern und verbessern kann,  ist die Innenstadt Lemgos kurzerhand in ein offenes Testlabor umfunktioniert worden. Die Bürgerinnen und Bürger fungieren zum einen als klassische Testpersonen. Um konkrete Bedarfe und Akzeptanzgrenzen genau zu erfassen, sind sie zum anderen aber auch Ideengeber, die sich aktiv in den Forschungs- und Entwicklungsprozess einbringen können. Als Ergebnis hat die Stadt Lemgo bereits eine über das Smartphone abrufbare Fahrgast-Webanwendung für den Busverkehr entwickelt, welche die Fahrgäste mit Fahrplaninformationen in Echtzeit versorgt. Die Bürgerinnen und Bürger sind dazu aufgerufen, die Anwendung im eigenen Alltag zu testen und an einer Optimierung des Angebots mitzuwirken.


Den Menschen bei der digitalen Transformation mitnehmen


Neben klassischen Erhebungs- und Untersuchungsmethoden kommen immer mehr neue Techniken, beispielsweise High Tech-Kameras, innovative Sensortechnik oder Big Data, zum Einsatz, die durchaus in Konflikt mit geltenden Datenschutzbestimmungen geraten können. Eine weitere Problematik liegt zudem darin, dass man die Randbedingungen während der Experimente im Gegensatz zu geschlossenen Laboratorien nicht explizit einstellen oder beeinflussen kann. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, größtenteils aus den Bereichen Planung, Architektur, Ingenieurswesen, Wissenschaft sowie dem öffentlichen Dienst, diskutierten über konkrete Anwendungsoptionen des Instruments Living Lab für die eigene Gebäudeentwicklung. Denn auch hier bietet es beispielsweise das Potenzial, Smart Home-Technologien nach den konkreten Bedarfen der jeweiligen Bewohnerinnern und Bewohner zu entwickeln.


Zusammenfassend stellt Klaus Meyer vom Energie Impuls OWL e. V. fest: „Wir müssen über die reine Befragung von Nutzerinnen und Nutzern digitaler Technologien hinaus gehen. Wir müssen sie intensiv beobachten, von deren Verhalten lernen und auf ihre Bedürfnisse und Wünsche eingehen“. Living Labs erweisen sich also als ein mögliches Instrument, die digitale Transformation menschlicher zu gestalten.

Ansprechpartner
Sven Müller
Energie Impuls OWL e.V., Projektmanagement
T 0521 44 818 374