Die Onleihe OWL: „Digitalisierung ist für uns keine Bedrohung, sondern eine Chance“

Silke Niermann, Geschäftsführerin der Stadtbibliothek Gütersloh, und Harald Pilzer, Bibliotheksdirektor der Stadtbibliothek Bielefeld, stellen sich den Fragen der Zukunft der Bibliotheken in OWL.

Stehen im digitalen Zeitalter noch Bücher in der Bibliothek? (Quelle:pixabay)
Harald Pilzer und Silke Niermann im Gespräch mit Marcella Ranft (OWL Arena 4.0)
Sie sehen Digitalisierung als Chance: Harald Pilzer und Silke Niermann haben die Onleihe OWL initiiert.

Frau Niermann, Herr Pilzer, die Digitalisierung macht ja auch vor den Bibliotheken nicht Halt…
SN (Silke Niermann): … aber wir Bibliotheken haben Digitalisierung nie als Bedrohung, sondern immer als Chance gesehen, uns weiterzuentwickeln. Meine Devise lautet: Wenn die bekannten Elektrohandelsketten eine technische Neuerung im Prospekt anbieten, ist das der späteste Zeitpunkt an dem wir auch dabei sein sollten. Dann ist es kein Nischenprodukt mehr, sondern in der gesellschaftlichen Breite angekommen.
HP (Harald Pilzer): Solange die Nachfrage besteht, werden wir in unseren Bibliotheken noch CDs und DVDs anbieten, auch wenn der Elektrohandel diese schon nicht mehr im Sortiment führt. Trotzdem wären ohne die Digitalisierung wesentliche Bereiche der Bibliothek heute undenkbar.

Was hat sich durch die Digitalisierung in Ihren Bibliotheken konkret geändert?
SN: Da das Internet ortsungebunden ist, stellen wir die OnleiheOWL, unser Online-Angebot, OWL-weit zur Verfügung. Aber dieser Zusammenschluss aus 33 ostwestfälischen Bibliotheken und einer Bibliothek als Exklave aus dem Sauerland hat ein paar Jahre gedauert. Das hatte organisatorische wie finanzielle Gründe.
HP: Zwei Bibliotheken aus OWL stehen noch auf der Warteliste und werden noch dazu stoßen. Dieser Zusammenschluss ist sehr reizvoll, wirft aber auch neue Fragen nach einem optimalen Management auf. Inzwischen fasst unser Portfolio rund 45.000 E-Book-Titellizenzen und wurde von Nutzer*innen im vergangenen Jahr mehr als 100.000-mal in Anspruch genommen. In Bielefeld bieten wir darüber hinaus mit Rosetta Stone ein Programm zum Fremdsprachenerwerb an und wir haben mit PressReader einen Dienst mit rund 6.000 Zeitschriften und Zeitungen aus aller Welt. Wir würden die regionale Zusammenarbeit gerne noch intensivieren und arbeiten an einem gemeinsamen Bibliotheksausweis.

Welche Chancen und welche Grenzen sehen Sie bei Ihrer regionalen Zusammenarbeit?
HP: Wir bündeln Wirtschaftskraft, wir bündeln Einkaufskraft. Durch diese Einsparungen ist es uns möglich, eine größere Anzahl von Lizenzen einer größeren Titelbreite einem größeren Publikum zur Verfügung zu stellen.
SN: Darüber wird nun auch Nutzer*innen im ländlichen Raum der Zugang zu digitalen Medien ermöglicht und eine größere Bandbreite des Angebots zur Verfügung gestellt. Ein Nachteil könnte sein, dass alle auf ein gemeinsames Portal zugreifen. Die Steuerung, dass man von beliebten Titeln auch entsprechend viele Lizenzen hat, während man von Spezielleren weniger benötigt, ist natürlich komplex. Aus diesem Grund wird unser Angebotsentwicklung immer hinterfragt und stetig weiterentwickelt.

Stehen in der Bibliothek der Zukunft überhaupt noch Bücher im Regal?
HP: Ja, es stehen noch Bücher im Regal, ganz klar! Aber die Frage ist: Ist es noch ein Printout oder steht es als E-Book im virtuellen Regal? Im Bereich der Belletristik und Kinder- und Jugendliteratur wird das gedruckte  Buch aber auch in Zukunft noch eine Rolle spielen. Das haptische ‚Be-Greifen‘ des gedruckten Buches bewirkt gerade bei Kindern einen großen Lernerfolg. Die Herausforderung der Bibliotheken ist momentan eher der Perspektivwechsel: Früher haben wir unsere Besucher*innen mit dem ausgeliehenen Buch hinausbegleitet. Heute möchten wir die Leute dazu einladen, bei uns im Haus zu bleiben. Wir möchten ein Kommunikationsort sein, der integrativ arbeitet und Zugänge eröffnet, gerne, wenn Sie so wollen, begleitend und erläuternd.
SN: Unsere Häuser sind voll von Jugendlichen, die sich treffen, Studierenden, die hier gemeinsam lernen und Senior*innen, die sich in unserem Bibliotheks-Café austauschen. Die Herausforderung, eine Aufenthaltsqualität zu gestalten und parallel das Bestandsangebot physisch und digital auszubauen sowie technisch und kundenorientiert am Laufen zu halten – das ist nicht immer einfach. HP: Eine andere schöne Idee ist auch die des ‚Maker Space‘, dem Hobbykeller des digitalen Zeitalters. In einem Raum der Bibliothek kann man Roboter programmieren und sich an unterschiedlichen Materialien ausprobieren. Damit fördern wir einen spielerischen Umgang mit Technik, brechen das Thema Digitalisierung herunter und machen es für die Leute hier in OWL greifbar. Inhalte liefert heute schnell und kostenfrei Google.

Was tragen Bibliotheken im digitalen Zeitalter dazu bei, weiterhin relevant zu bleiben?
HP: In unserem Haus erhalten unsere Besucherinnen und Besucher eine personalisierte Beratung, die frei von Werbung und wirtschaftlichen Interessen ist. Wir stellen urheberrechtlich geschütztes, redaktionell betreutes Wissen aus vertrauenswürdigen Quellen zur Verfügung – davon kann man bei Google-Recherchen nicht immer ausgehen. Alle Informationen haben einen Qualifizierungs- und Zertifizierungsvorgang durchlaufen.
SN: Wir haben jetzt auch ein neues E-Learning-Angebot. Über Video-Tutorials, kann man sich im EDV-Bereich oder im Beruf weiterbilden. Um unseren Kunden dieses qualitativ geprüfte Angebot als Alternative oder Ergänzung z.B. zu YouTube zu vermitteln, arbeiten wir mit den Volkshochschulen zusammen. Diese machen einen ähnlichen Spagat wie wir: Physische Angebote vor Ort und gleichzeitig eine digitale Entwicklung. Sie setzen wie andere Stadtbibliotheken auf Automaten in der Buchausleihe.

Sehen Sie die Arbeitsplätze in Bibliotheken zukünftig bedroht?
SN: Im Gegenteil: Uns hat die Digitalisierung geholfen! Durch Personalstreichungen seit 2010 mussten wir unsere Aufgabenstruktur mit Hilfe der Digitalisierung neu aufstellen. Heutzutage werden unsere Stellen werden nicht mehr ausschließlich durch Bibliothekare besetzt, sondern wir sind auch auf der Suche nach Medienpädagogen, Erzieher*innen und Veranstaltungskaufleuten, die die Bibliothek als öffentlichen Raum gestalten.
HP: Wir erleben in den Bibliotheken genau das gleiche, was auch in der restlichen Berufswelt stattfindet: Die einfachen Tätigkeiten, für die man keine Ausbildung braucht, wie die Rückgabeabfertigung von Büchern, fallen durch digitale Lösungen weg. Was wir brauchen sind qualifizierte Kräfte, die den Umgang mit Informationen beherrschen, ganz gleich, inwelcher Form sie daherkommen.
SN: Wir haben Kolleg*innen, die sich ihren Beruf nach bestimmten Kriterien ausgesucht haben und nun mit Veränderungen ihrer Arbeit durch die Digitalisierung umgehen müssen. Diese Mitarbeiter*innen jetzt ins digitale Zeitalter mitzunehmen, ist manchmal schwierig. Aber dennoch: Ich bin ja nun auch schon einige Jahre im Bibliotheksgeschäft, und mir machen die letzten Jahre besonders viel Spaß! Den Herausforderungen des digitalen Zeitalters zu begegnen und einen gemeinsamen Weg zu gehen, dabei die Einrichtung und die Menschen mitzunehmen und einen Wert für die Stadt und die Region zu schaffen: Das ist eine dankbare Aufgabe!


Vielen Dank für dieses interessante und offene Gespräch!
(Interview: Marcella Ranft)

Ansprechpartner
Ann-Kathrin Habighorst
Kreis Lippe, Projekmanagerin
T 05231 62-1150